Die Kohle war’s nicht

Legenden leben lange: Die Braunkohle-Industrie hat das Sorbische verdrängt. Was sagt der Fakten-Check? Zur gleichen Zeit wie in der Region Hoyerswerda verflüchtigte sich auch in und um Bautzen das Sorbische als Alltagssprache. Ohne Steinbrüche und Kohlegruben. Ja auch dort, wo größere Betriebe keine Rolle spielten. In den fünfziger und sechziger Jahren hörten vielerorts Menschen auf, mit ihren Kindern sorbisch zu sprechen. Die Sprache galt als veraltet.

Größere Sprachräume überlebten nur dort, wo es eine zusätzliche Grenze gab: den Unterschied der Konfession. Also in den sorbisch-katholischen Milieus. Egal ob in Wittichenau oder in Ralbitz-Rosenthal, um nur zwei Beispiele herauszugreifen. Dort ist die Tradition bis heute so lebendig, dass die Weitergabe der Muttersprache ganz natürlich als Selbstverständlichkeit empfunden wird.

Die Kohle-Gewinnung hat die Landschaft verändert, so wie schon die Eiszeit und wie hier und andernorts auch der Mensch. Als vor tausend Jahren das heutige Ostdeutschland noch überwiegend von slawischen Völkern bewohnt war, lebten sie in uferlosen Laubwäldern. Die Kiefernwälder der sorbischen Heide, die den Tagebauen wichen, waren bereits eine menschengemachte Transformations-Landschaft. Ich persönlich finde das heutige Seenland schöner.

Wahr ist also: Die Kohle hat Modernisierungsschübe beschleunigt, aber nicht ausgelöst. Wie ich schon neulich beim Jahrestag 50 Jahre Umsiedlung von Groß Partwitz sagte: Auch die Sorben haben mit und in der Kohle gelebt, fast alle haben schon weit vor der Abbaggerung neben der Landwirtschaft auf ertragsarmen sandigen Böden in der Kohle gearbeitet. Wie andere Orte, die der Kohlebagger doch nicht erreichte, wie Klitten, zeigen, wäre das Sorbische aller Wahrscheinlichkeit auch nicht mehr präsent, wenn Groß Partwitz am selben Ort weiterbestanden hätte.

Heute ist das Sorbische als Heimatsprache und Stütze regionaler Identität wieder im Kommen – so wie die erzgebirgische Mundart oder das Bretonische in Frankreich. Es wird in zwei Generationen so selbstverständlich mit zum Lausitzer Seenland gehören wie früher zur Heide. Natürlich werden die Menschen auch Deutsch können und nutzen, was sie von sorbischer wie deutscher Einsprachigkeit in ganz alten Zeiten unterscheidet. Und das ist auch in Ordnung so.    

Die Info-Tafel steht am Denkmal für Groß Partwitz in Klein Partwitz beim Partwitzer See.

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