Hoywoy ist nicht Panschwitz-Kuckau

Weil ich in letzter Zeit wiederholt mit kritischem Unterton danach gefragt worden bin, ob die parteipolitische Unabhängigkeit des sorbischen Dachverbandes Domowina noch gilt: Ja, Dawid Statnik kandidiert als Privatperson (ganz hat’s zwar nicht geklappt, weil auf dem Wahlzettel „Vorsitzender der Domowina“ steht) bei den Kreistags-Wahlen für die CDU. Menschen aus der Verwaltung der Domowina in Bautzen unterstützen dagegen wie schon bei den letzten Wahlen die Sorbische Wählervereinigung, die auch die meisten sorbischen Kandidaten zählt. Und viele andere orientieren sich an dem, was Anfang der neunziger Jahre nach dem Scheitern der Idee einer eigenen sorbischen Partei als Konsens formuliert wurde: Jeder möge sich entsprechend eigener politischer Überzeugung für oder in einer Partei bzw. politischen Formation engagieren und dort das Sorbische einbringen, sodass es parteiübergreifenden Rückhalt finde. Dass das bei mir dieselbe Partei ist wie die von Ralph Büchner, weiß sowieso jeder.

Der Beirat für sorbische Angelegenheiten Hoyerswerda ist für mich ein besonders schönes Beispiel für gelebte politische Pluralität bei gleichzeitiger Einigkeit in dem Streben, die sorbische Prägung der Region mit Leben zu erfüllen. Das ist zugleich das Ziel des Domowina-Regionalverbandes. Bevor ich Vorsitzender des Domowina-Bildungsausschusses wurde, schlug mich Dawid Statnik als Chef des Ausschusses für politische Lobby-Arbeit vor. Ich wurde vom Bundesvorstand der Domowina einstimmig gewählt und erwählte mir als Stellvertreterin eine langjährige sorbische CDU-Kommunalpolitikerin. In der sorbischen Community spielen Parteizugehörigkeiten ohnehin eine geringere Rolle als im Rest der Welt. Als Župan pflege ich strikte parteipolitische Neutralität und Kooperation mit allen demokratischen Repräsentanten, die in sorbischen Sachen guten Willens sind  – und erlaube mir selbstverständlich ansonsten eine persönliche Position, die bekanntlich nicht nur parteipolitisch eine andere als die von Dawid Statnik ist.  

Im sogenannten sorbischen Kerngebiet, also den sorbisch-katholischen Dörfern überwiegend im Altkreis Kamenz (besonders Verwaltungsverband Am Klosterwasser mit Sitz in Panschwitz-Kuckau), erzielte die CDU Anfang der neunziger Jahre Wahlergebnisse von bis rund 80 Prozent. Andere größere Parteien, die andernorts relevant sind, hatten hier den Status einer Splitterpartei. Deshalb hat es natürlich mit der politischen Pluralität nicht immer und überall gut funktioniert. Inzwischen liegen die Ergebnisse der seit 1990 in Sachsen regierenden Partei auch in jenen sorbischen Dörfern bei ca. 40 Prozent (letzte Bundestagswahl, was dem landesweiten Ergebnis der Partei bei den Landtagswahlen 2013 entsprach). Insofern normalisieren sich die politischen Verhältnisse auch in jener Region. In der Region Hoyerswerda sah das von Anfang an anders, also „normaler“ aus.  So, und nun geht mal schön am 26. Mai wählen – und wählt, was ihr wollt. Denn das ist Demokratie.

Von Wald- zu See-Slawen

Bei 12 Grad und Regen denkt man nicht ans Baden, aber wehmütig ans letzte und hoffnungsfroh-sehnsüchtig ans nächste Wochenende. Und erinnert sich an die beste Literatur aller Zeiten über das alte slawische Leben: Sudička.

Dieter Kalka: Sudička

Mein Tipp für eure Urlaubslektüre. Ich hab’s im letzten Jahr genossen. So ganz nebenbei erfährt man da, was die liebste Erquickung fitter Sorben, der damaligen „Waldslawen“ war: nackt im Fluss baden. Das erfrischte Körper und Geist, streichelte die Seele und verschaffte inmitten des Vegetations-Dickichts ein Gefühl von unbeschwerter Freiheit.

Unser Lausitzer Seenland ist eine solche Freiheits-Stätte, abseits der Großstadt-Dschungel und des Straßen-Gewirrs in unseren Siedlungen. Sudička wäre neidisch, wüsste sie, dass sie heute mit dem tollen Jungen nicht nur im Wasser plantschen, sondern auch im Sand liegen könnte. Der damalige Spaß im Wasser endete dramatisch (mehr wird hier natürlich nicht verraten). Beim heutigen Vergnügen muss nichts schiefgehen, wenn die Kinder rechtzeitig schwimmen lernen und man selbst nicht schnitzel- und biergefüllt in die kühlen Tiefen springt. Auf ein erquickendes nächstes Wochenende!

Die Kohle war’s nicht

Legenden leben lange: Die Braunkohle-Industrie hat das Sorbische verdrängt. Was sagt der Fakten-Check? Zur gleichen Zeit wie in der Region Hoyerswerda verflüchtigte sich auch in und um Bautzen das Sorbische als Alltagssprache. Ohne Steinbrüche und Kohlegruben. Ja auch dort, wo größere Betriebe keine Rolle spielten. In den fünfziger und sechziger Jahren hörten vielerorts Menschen auf, mit ihren Kindern sorbisch zu sprechen. Die Sprache galt als veraltet.

Größere Sprachräume überlebten nur dort, wo es eine zusätzliche Grenze gab: den Unterschied der Konfession. Also in den sorbisch-katholischen Milieus. Egal ob in Wittichenau oder in Ralbitz-Rosenthal, um nur zwei Beispiele herauszugreifen. Dort ist die Tradition bis heute so lebendig, dass die Weitergabe der Muttersprache ganz natürlich als Selbstverständlichkeit empfunden wird.

Die Kohle-Gewinnung hat die Landschaft verändert, so wie schon die Eiszeit und wie hier und andernorts auch der Mensch. Als vor tausend Jahren das heutige Ostdeutschland noch überwiegend von slawischen Völkern bewohnt war, lebten sie in uferlosen Laubwäldern. Die Kiefernwälder der sorbischen Heide, die den Tagebauen wichen, waren bereits eine menschengemachte Transformations-Landschaft. Ich persönlich finde das heutige Seenland schöner.

Wahr ist also: Die Kohle hat Modernisierungsschübe beschleunigt, aber nicht ausgelöst. Wie ich schon neulich beim Jahrestag 50 Jahre Umsiedlung von Groß Partwitz sagte: Auch die Sorben haben mit und in der Kohle gelebt, fast alle haben schon weit vor der Abbaggerung neben der Landwirtschaft auf ertragsarmen sandigen Böden in der Kohle gearbeitet. Wie andere Orte, die der Kohlebagger doch nicht erreichte, wie Klitten, zeigen, wäre das Sorbische aller Wahrscheinlichkeit auch nicht mehr präsent, wenn Groß Partwitz am selben Ort weiterbestanden hätte.

Heute ist das Sorbische als Heimatsprache und Stütze regionaler Identität wieder im Kommen – so wie die erzgebirgische Mundart oder das Bretonische in Frankreich. Es wird in zwei Generationen so selbstverständlich mit zum Lausitzer Seenland gehören wie früher zur Heide. Natürlich werden die Menschen auch Deutsch können und nutzen, was sie von sorbischer wie deutscher Einsprachigkeit in ganz alten Zeiten unterscheidet. Und das ist auch in Ordnung so.    

Die Info-Tafel steht am Denkmal für Groß Partwitz in Klein Partwitz beim Partwitzer See.

Sorben in der Neustadt

Manche glauben ja, wir Sorben seien auf die – einst sorbische – Altstadt fixiert. Ich bin, ehrlich gesagt, alter Neustadt-Fan. Natürlich hängen wir besonders am Domowina-Gründungshaus der Kufa, was nun mal in der Altstadt ist. Ebenso wie an der sorbischen Infrastruktur, z.B. Trachtenhaus Jatzwauk und natürlich unser Domowina-Haus. Und ganz wichtig: die Grundschule „Am Adler“ mit ihren Sorbisch-Klassen.   

Aber wie es im Songtext der Band Wolfsheim hieß: „Es gibt keinen Weg zurück“. Bei uns wäre das der Weg zurück zur sorbischen Kleinstadt, bevor Schwarze Pumpe kam und Hoywoy, die Wohnstadt des Kombinats, geboren wurde. Das ist eben die Neustadt, die städtebauliche Verkörperung von technischem Fortschritt, wirtschaftlichem Aufbruch und moderner Gesellschaft. In der bis heute auch sorbisch sprachige Menschen leben – und künftig wieder mehr leben werden.

Es liegt auch in unserem sorbischen Interesse, dass der „Rückbau“ ein baldiges Ende nimmt und Hoywoy wieder wächst. Denn auch wir wollen nicht mehr in die Zeit zurück, als die sorbischen Trachten entstanden, die zu unserem lebendigen kulturellen Erbe gehören. Die sorbische Community braucht in der Lausitz einen Mittelpunkt zwischen den Polen Bautzen und Cottbus. Die Bevölkerung der mittleren Lausitz wiederum braucht ein städtisches Zentrum mit Ausstrahlungskraft.

Deshalb trifft sich also der „Klub der jungen sorbischen Freigeister“, das neue Debattier-Format des Domowina-Regionalverbandes, zu seinem zweiten Abend auf dem Lausitz-Tower. Mitten in der Neustadt. Ein passender Ort für einen Stammtisch ohne Grenzen. Selbstverständlich bleiben wir der Kufa treu, wo der Gründungsakt stattfand. Zugleich zeigen wir: Die Neustadt gehört dazu, da sind wir genauso zu Hause!

Braugasse 1 – Adresse für Neugier

Das Gründungshaus der Domowina an der Braugasse 1 ist in guten Händen – das zeigt einmal mehr die aktuelle Foto-Ausstellung im Bürgerzentrum inmitten der Altstadt von Hoyerswerda. Ihr Motto „Neugier“ passt zur Kufa, Kulturfabrik. In diesem sogenannten soziokulturellen Zentrum produzieren Menschen frei von ökonomischen Zwängen neue Kultur, und da passt die gemeinsame Präsentation von Frank Höhler aus Dresden, Georg Krause aus Berlin, Thomas Kläber aus Cottbus und Jürgen Matschie (Maćij) aus Bautzen perfekt hinein. Denn die vier Herren eint beim Fotografieren die Distanz zur kommerziellen Orientierung, sie haben eine gemeinsame Botschaft: NEUGIER.

Der Sorbischen Zeitung (Serbske Nowiny) war die Ausstellungseröffnung eine große Titelgeschichte wert. Das liegt nicht nur am Sorben Jürgen Matschie, dem die Beschäftigung mit „gebrochenen Landschaften“ geradezu Lebensaufgabe ist. Sondern am Zusammenspiel dieses Fotografen-Quartetts und seines abwechslungsreichen wie beeindruckenden Umgangs mit den existenziellen Themen Natur, Industrie und gesellschaftliche Brüche. Ein Grund mehr, in diesem dank Dorit Baumeister architektonisch äußerlich ansprechend schönen und innerlich atemberaubend faszinierenden Gebäude betrachtend zu lustwandeln. Und sich in jeder Hinsicht eine Auszeit zu gönnen.

Das Haus selbst verkörpert geschichtlich vielfältige Brüche, in denen sich die Zeitläufte von Hoyerswerda widerspiegeln. Es steht zugleich für die Souveränität kreativer Geister, die durch Generationen hindurch bestrebt waren, aus den widersprüchlichen Fragmenten der jeweiligen Zeit etwas Passendes, Plausibles zu erschaffen. Im Grunde war die NEUGIER hier schon immer Programm.

Übrigens auch bei der Gründung des sorbischen Dachverbandes Domowina 1912: Aus einem Sammelsurium höchst unterschiedlicher sorbischer Vereine aus der ganzen Lausitz in einem basisdemokratischen Impuls EINE – slawische! – Organisation zu schaffen, war in der autoritätshörigen Kaiserzeit ein unerhört kühnes Projekt. Kaiser, Kanzler und herrschende Politik setzten auf Germanisierung von oben, sprachliche und kulturelle Gleichschaltung. Dagegen stand das Geschehen in der Braugasse 1 in Hoyerswerda für den Aufbruch von unten in selbstbestimmte regionale Vielfalt.

Heute ist Konsens, dass Sachsen nicht Bayern ist und die Gesellschaft in der Hoyerswerdaer Region eine andere als in und um Bautzen. Und das ist gut so. Wir leben heute im Europa der Regionen, die Lausitz ist nicht mehr durch Schlagbäume zerschnitten. Es lohnt sich also für uns, neugierig zu bleiben. Diese Ausstellung ist eine Einladung zu kreativer Neugier und Lust auf das Leben von morgen. Natürlich muss nicht alles besser werden, schlechter aber auch nicht. Wenn wir diesen inspirierenden Ort mitten in Hoyerswerda gemeinsam hegen und pflegen.     

https://juergen-matschie.de/chronologie.php

www.braugasse.kufa-hoyerswerda.de/geschichten/baumeister/baumeister.html

Linde als Symbol sorbischen Lebens

Wo wir auftauchen, sehen Sie immer diese drei Lindenblätter, die aus einem abgebrochenen Baumstamm mit acht Wurzeln erwachsen. Dieses Symbol des sorbischen Dachverbandes Domowina ist 70 Jahre alt. Es wurde 1949 vom Bundesvorstand der Organisation beschlossen – der Entwurf der sorbischen Malerin und Grafikerin Hanka Krawcec (Hannah Schneider). Damals Sinnbild für die durch die rigorosen Verbote alles Sorbischen unter dem Nazi-Regime stark geschwächte sorbische Gemeinschaft, die im Vertrauen in ihre anderthalbtausend Jahre alten Wurzeln in der Lausitz zu neuem Selbstbewusstsein aufgebrochen ist.

Die Wurzeln repräsentieren die (einst acht) Regionalverbände. Die vier Niederlausitzer sind zwischenzeitlich zu einem fusioniert, so gibt es als jetzt insgesamt fünf. Der zentrale Regionalverband Hoyerswerda, der am 24. Juli 1921 in der Stadt ins Leben gerufen wurde und als einziger alle anderen Regionalverbände als Nachbarn hat, beherbergt zugleich das Gründungshaus an der Braugasse 1 in Hoyerswerda, wo am 13. Oktober 1912 der Dachverband von Vertretern von 31 Vereinen aus der ganzen Lausitz gegründet wurde. Der Regionalverband Hoyerswerda umfasst heute fast 800 Mitglieder in zwanzig Vereinen und Gruppen. Sein derzeitiges Territorium umfasst Elsterheide, Hoyerswerda, Lohsa, Spreetal und Wittichenau.

Auf der letzten Haupt- und Wahlversammlung im Herbst 2018 wurde mit Marcel Braumann der 13. Vorsitzende der Zeit seit 1945 gewählt, zudem  weitere acht Mitglieder des Regionalvorstandes, darunter sieben Frauen. Auf sorbisch heißt der Regionalverband „župa” und der Vorsitzende „župan”. Der Verband trägt den Namen von Handrij Zejler, eines Dichters und evangelischen Pfarrers in Lohsa, der maßgeblich verantwortlich zeichnete für die Gründung einer eigenen sorbischen wissenschaftlichen Gesellschaft Maćica Serbska, die bis heute besteht und wirkt.  

http://www.zejler-smoler-haus-lohsa.de/cont_activ_pub_zej.php